Mela2012's Blog

Archive for Juli 2017

Heute möchte ich mal kein Produkt vorstellen und auch sonst nicht unterhalten. Ich möchte zum Nachdenken anregen und von Oliver berichten. Die Geschichte ist schon viele Jahre her aber immer noch aktuell. Vor 35 Jahren habe ich die Schule beendet. Ich bin also in den 70er und frühen 80er Jahren zur Schule gegangen. Damals gab es den Bergriff „Mobbing“ noch nicht, Sozialarbeiter an den Schulen gab es auch noch nicht, wenn es Probleme mit Mitschülern gab, hielten sich Eltern und auch oft die Lehrer zurück. Gab es Probleme mit dem Lehrstoff, dann hat man eben nicht genug gelernt und musste notfalls die Klasse wiederholen, ohne dabei gleich psychologisch betreut zu werden. Wir wuchsen so auf und für uns war es okay. 

In dieser Zeit kam Oliver eines Tages als neuer Schüler in unsere Klasse. Oliver war groß und älter als die meisten von uns. Schnell gab es Gerüchte: Oliver kam aus „schwierigen“ Verhältnissen. Seine Eltern bekamen Sozialhilfe – was damals nicht die Norm und eher selten war. Eigentlich interessierte uns Kinder nicht der Beruf oder der soziale Status der Eltern. Aber weil Olivers Eltern nicht viel Geld hatten und Oliver schnell gewachsen war, waren seine Hosen zu kurz. Und er trug Cordhosen statt Jeans. Seine Sportschuhe waren „No Name“ statt Puma oder Adidas. Und er redete immer so langsam. Wenn Oliver im Englisch-Unterricht etwas sagen musste, war seine Aussprache (das „th“ klang wie „f“) seltsam. Und wenn er z. B. „I go not Home“ sagte, brüllte die ganze Klasse vor Lachen… und Oliver lachte mit. Ich glaube sogar, die Lehrer lachten. Wir lachten viel über Oliver. Über das was er sagte, seine Kleidung, seine Schulsachen. Oliver lachte immer mit uns aber in den Pausen stand er allein auf dem Schulhof. 

In Englisch und Deutsch war Oliver ein schlechter Schüler. Aber Mathe, Physik und Chemie – das waren seine Fächer. Da wusste er alles, da war er Einser Schüler. Er war so gut, dass er z. B. bei Mathearbeiten vom Lehrer andere, schwerere Aufgaben bekam und diese auch ohne Taschenrechner perfekt ablieferte. 

Als das Ende der Schulzeit nahte, stand die Abschluss-Klassenfahrt an. Während es heute nach Frankreich oder Griechenland geht, stand bei uns eine Woche Skifahren in  Todtmoos im Schwartzwald an. Das Oliver erklärte, er könne nicht mit kommen, weil seine Eltern kein Geld hätten, berührte uns nicht. So war das nun mal. Aber eine Lehrerin setzte sich ein und so konnte Oliver mitfahren. Für den Skikurs reichte es allerdings nicht. So kam es, dass die Klasse in Todtmoos auf der Piste Spaß hatte und Oliver sich selbst überlassen blieb. Manchmal sah er zu, manchmal ging er spazieren. 

Ich war – und daran hat sich nichts geändert – Bewegungslegasthenikerin. Ich hasse Sport. Und so kam es, dass es mich bei einer Abfahrt von den Skiern riss und ich in einen Busch fuhr. Die dünnen Zweige waren wie Peitschen und zerkratzen mein Gesicht. Und weil ich nicht wirklich Lust auf Skifahren verspürte, jammerte ich und entschied, dass ich zu verletzt war, um weiter zu trainieren. Und so kam es, dass ich mich Oliver anschloss. Und ich erkannte, dass er eigentlich ganz nett war. Wir unterhielten uns, gingen Spazieren und spielten Schach. Oliver liebte Schach, es war sein Hobby. Er spielte Partien großer Schachmeister nach ( was ich als seltsam und langweilig empfand). Ich spielte gegen Oliver und ich gewann. Er erklärte mir, dass es daran liegen würde, weil ich nicht berechenbar sei. Ja -Oliver war nett. Und – im Gegensatz zu mir – hatte er sogar schon einen Ausbildungsplatz. Als Chemielaborant. Er war so stolz, als er mir davon erzählte und ich erkannte, dass ich mich für ihn ehrlich freute. Dort wäre Oliver unter Gleichgesinnten, dort würde man nicht über ihn lachen. Ich fühlte mich sehr erwachsen. 

Wir bestanden die Prüfunge. Ich hatte auch einen Ausbildungsplatz gefunden und unsere Wege trennten sich.  Nur wenige Monate später – genau zu Weihnachten stand eine Todesanzeige in unserer Tageszeitung, Oliver war tot. Ich werde nie vergessen, was da stand: „Er verließ eine Welt von der er sich nicht verstanden fühlte“. 

Ich war schockiert. Und ich fühlte mich schuldig. Ich hatte Oliver ausgelacht, ihn nicht in Schutz genommen. Ich hatte die leichte Freundschaft, die wir in Todtmoos geschlossen haben nicht fortgeführt. Wenig später traf ich zufällig Olivers Schwester. Sie erzählte, dass es im Ausbildungsbetrieb nicht besser wurde. Oliver war auch dort Außenseiter. Auf der Weihnachtsfeier wurde er wieder mal ausgelacht. Und wieder lachte Oliver mit. Er lachte und ging nach Hause. Dort stieg er auf den Dachboden und hängte sich auf. Er hat einen Brief hinterlasssen. Darin stand nur: „Es tut mir leid, ich kann nicht mehr.“ 

Ich habe seit damals oft an Oliver gedacht. Oliver hat sich umgebracht. Es war seine Entscheidung. Hat jemand Schuld? Ich weiß, dass seine Familie sich schuldig fühlte, weil sie nicht erkannten, dass es ihm schlecht ging, weil sie ihm nicht das Leben bieten konnten, dass er verdient hätte. Vermutlich fühlten sich seine Ausbildungskollegen von der Weihnachtsfeier schuldig. Vielleicht auch Lehrer und Ausbilder. In so einer Situation ist der erste Gedanke wohl, dass dam sich sagt: ‚was ich gemacht habe, war ja nicht so schlimm, die anderen haben ihn viel mehr geärgert. Er hat ja mitgelacht. Wenn ich geahnt hätte, dass es ihn verletzt, hätte ich doch nie….‘.

Auch ich habe zuerst so gedacht. Aber dann sah ich Oliver vor mir. Der Oliver, der mir in Todtmoos von seinem Ausbildungsplatz erzählte. Ich sah den Oliver, der mitlachte und irgendwie lachten in meiner Erinnerung seine Augen nicht mit. Und ich erkannte, dass ich auch Schuld habe und dass ich mich nur selber belügen würde, wenn ich diese Schuld abstreite. Das hat Oliver nicht verdient. Ich bin sicher nur zu einem kleinen Anteil schuld an Olivers Entscheid. Ich war damals noch zu unreif, zu erkennen, wie grausam Kinder sein können. Ich nehme die Schuld an aber ich war zu jung um verantwortlich zu sein. Ich konnte die möglichen Folgen nicht erkennen. Aber ich konnte daraus lernen. Ich entschied, dass ich niemals einen Menschen verurteilen würde, nur weil er anders ist. Ich kann nicht behaupten, dass mir das in den fast 35 Jahren seit Olivers Selbstmord immer gelungen ist. Ich habe mich aber oft gebremst und rechtzeitig die Entscheidung getroffen, nicht zu verletzen. Und ich habe von Oliver erzählt. Wenn man mir von nervenden, unbeliebten Menschen erzählt wurde. 

Olivers Selbstmord hat mein Leben verändert. Mich – wie ich finde -zu einem besseren Menschen gemacht. Ich behaupte, dass nur wenige von denen, die Oliver damals gequält haben auch nur eine Sekunde über ihr Verhalten oder ihr mögliche Schuld nachgedacht haben. Ich habe kürzlich einige alte Schulfreunde getroffen. Kaum einer konnte sich an Oliver noch erinnern. 

Olivers Träume dürften nicht in Erfüllung gehen. Oliver wurde vergessen. Das Leben ging ohne ihn weiter. 

Ich schreibe heute darüber, weil Olivers Geschichte immer noch aktuell ist. Ich möchte nicht, dass Oliver vergesssen wird. Niemand soll so fühlen, wie Oliver. 

Ich danke jedem, der diese Geschichte gelesen hat und bitte Euch beim Umgang mit Euren Mitmenschen: 

Denkt immer daran, dass die Worte, die Ihr zu jemandem sprecht, Euer Verhalten jemandem gegenüber – das könnte das letzte sein, was er hört/erlebt. 

Oliver W. – Ruhe in Frieden! 

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